Gedichte aus vergangenen Zeiten

GEDICHTE

6/18/20262 min read

Lebenssplitter

Strebe nach dem goldnen Kranz

Dann wirst du ein Blatt erringen.

Dann bescheide dich damit.

Denn das Blatt im goldnen Glanze

Soll dir die Erfüllung bringen

Mit den Mühen bist du quitt.

Dieses Blatt vom goldnen Kranze

Darf nicht Gier in dir erwecken,

Es soll lohnen und nicht drängen,

Denn du kannst beim Totentanze

Nichts im Leichenhemd verstecken.

Gold bleibt nicht am Leichnam hängen.

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Nichts kann mitgenommen werden.

Deine Hülle wird zu Staub.

Nur ein bruchstückhaftes Haschen

War dein Wandeln hier auf Erden,

Deine Jagd nach goldnem Laub.

Ist der Sinn in unsrem Leben

Nur zu horten und zu raffen?

Reicht vielleicht ein Lebenssplitter?

Sollt es nicht noch Andres geben?

Zufriedenheit sollten wir schaffen,

denn das Übermaß wirkt bitter.

Mein letzter Wille

Ermreuth in Franken

Du herrlicher Ort

Will nicht weichen nicht wanken

Will nie von dir fort.

Und nimmt mich dereinst der Sensenmann mit

Halt ich ohne zaudern mit ihm gleichen Schritt

Nur eine Bitte für‘s End hab ich noch

Legt mich ohne Gebet ins erdige Loch.

Ich will keine Predigt von einem Pfaffen

Ich möchte ein Salut mit erhobenen Waffen.

Wehrhafte Demokratie

Dass man am End nicht anders kann

In diesem „freien Lande“

Als einen unbequemen Mann

In einer Haftanstalt verschließen

das hat der Dümmste schon erkannt

Spaziergang im Geiste

Wo ich heute spazierte, nur in Gedanken

Bin ich oft schon im Traume gegangen

In Wahrheit sitz ich im Lande der Franken

In einem Kerker gefangen.

Der Körper konnte gefesselt werden

Doch im Traum überwind ich die Gitter

Die Gedanken schweifen umher auf Erden

Nur das Aufwachen ist immer so bitter.

Weihnachten im Gefängnis

Stille Nacht, heilige Nacht

Wer hat mich in den Knast gebracht

Ihr wisst genau, wen ich jetzt meine

Es waren ein paar Kameraden-Schweine.

Der Deutsche ist nicht mehr was er war

Spieglein, Spieglein an der Wand

Wer ist die größte Sau im Land?

Die zu ermitteln fällt mir schwer

Denn Säue wimmeln kreuz und quer

So viele Lumpen wie ich fand

In unsrem restverbliebnen Land.

So viele fand ich nirgendwo

Auch wenn es schmerzt, es ist halt so.

Opportunismus überall

Hallt es so laut wie Donnerhall

Und so viel ist uns allen klar

Der Deutsche ist nicht mehr, was er war.

Noch ein Spaziergang im Geiste

Die Brücke geh ich nach Löbschütz hinüber

An der Saale entlang bis zur Insel

An der Suppichen-Quelle komm ich vorüber

Trink Wasser aus ihrem Gerinnsel.

Erfrischt erklimm ich den Pfad bergan

Hinauf zum Dohlenstein

Lass schweifen die Blicke dann

Weit ins Saaletal hinein.

Ich sitze hoch droben über der Wand

Romantisch liegt Kahla im Tale

Ein paar Blumen winken vom felsigen Rand.

Tief unten blinkt spiegelnd die Saale.

Und wenn ich mich satt gesehen hab

Dann setz ich die Wanderung fort

Meine Hand packt fester den Wanderstab

Ich strebe weiter zum nächsten Ort.

Direkt gegenüber vom Dohlenstein

Steht die Burg und leuchtet herüber

Sie lädt mich zu einer Visite ein

Und gerne eil ich hinüber

Noch einmal hinunter den steilen Hang

Und dann geht’s den Burgberg hinauf

Ich klettre den steinigen Fußweg entlang

Und sehe das Tor ist schon auf.

Die herrlichste Aussicht breitet sich aus

Wenn ich am Turm oben bin.

Im Thüringer Land war ich früher zuhaus

Drum geht es mir nicht aus dem Sinn.

Heimat

Heimat was ist das? So frag ich mich oft

Ist es das Land meiner Väter?

Ist es das Land, das auf Einigkeit hofft?

Das sich schämen muss seiner Verräter?

Das Land, das geschunden, zerrissen wurde

Das besetzt und gedemütigt ist

Dessen Weibsvolk mit seinen Peinigern hurte

Wo man wälzt sich im eigenen Mist?

Ja, das ist es, was ich mein Vaterland nenne

Trotz aller Laster weit und breit

Ich liebe es, weil ich es anders kenne

Aus Erinnerung an eine bessere Zeit.

Karl-Heinz Hoffmann

1980er Jahre

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