Evolution der Systeme

12/31/20256 min read

Wie uns die Geschichte lehrt, hat jedes gesellschaftliche Ordnungssystem seine Zeit.

Während meiner Schulzeit in der DDR hatte man dem neu eingeführten Unterrichtsfach ›Gesellschaftskunde‹ große Bedeutung beigemessen. Dabei wurde die Theorie vom Kommunismus als Endstadium der Reihe vorangegangener Gesellschaftsformen als wissenschaftlich begründet und daher als unwiderlegbar bezeichnet. Natürlich war die in der Sowjetunion praktizierte Staatsform gemeint. Die uns vermittelte historische Reihenfolge der Gesellschaftsformen war zweifellos richtig, aber die Behauptung, mit dem Sieg des Kommunismus sowjetischer Prägung sei das Endstadium der gesellschaftlichen Entwicklung erreicht, wird durch die bereits jetzt schon erkennbaren, zukünftigen, tatsächlichen, von Naturgesetzen bestimmten Veränderungen widerlegt werden. Diese Erkenntnis ist gewiss nicht neu, wird aber nur von Wenigen in ihrer ganzen Tragweite erkannt. Mit Erstaunen lesen wir, was bereits Friedrich Schiller im 19. Jahrhundert erkannte und zu Papier brachte:

„Aber die Kräfte der Natur lassen sich nur bis auf einen gewissen Punkt beherrschen oder abwehren; über diesen Punkt hinaus entziehen sie sich der Macht des Menschen und unterwerfen ihn der ihrigen.“

Wenn wir über Kommunismus reden, dann müssen wir zuerst klären, was darunter zu verstehen ist.

Der sowjetische Kommunismus war grundsätzlich von der marxistischen Idee des unversöhnlichen Klassenkampfes geprägt. Er war in gewisser Weise auf Unversöhnlichkeit und Vernichtung einer bestimmten Schicht der Bevölkerung zu Gunsten einer anderen ausgerichtet und kann daher nicht als ideal gelten.

Die Gesellschaftsformen der Zukunft sollten, neben der Beachtung der Naturgesetze auch die Nivellierung der gesellschaftlichen Gegensätze im Programm haben. Klassenkampf, ebenso wie Rassenkampf sollten als historisch überholt erkannt werden und keine Rolle in zukunftsbezogenen Entwürfen gesellschaftlicher Systeme spielen.

Es ist höchste Zeit, darüber nachzudenken, welches Regierungs- und Wirtschaftssystem das derzeitige ablösen soll. Es ist ebenso erstaunlich wie traurig zu sehen, wie die Menschen an ihren alten Denkschemata kleben und kein Interesse an der Bewältigung zukünftiger Probleme erkennen lassen.

Kürzlich hörte ich einen der wenigen fortschrittlich denkenden, aber völlig frustrierten Zeitgenossen sagen:

„Solange die Leute sonntags in die Kirche gehen und zum Frühstück die Bildzeitung lesen, wird sich in Deutschland nichts ändern.“

In dem Bericht des ›Club of Rome‹ zur Lage der Menschheit wird schon zu Anfang der siebziger Jahre, auf die Teilnahmslosigkeit der meisten Menschen am Weltgeschehen hingewiesen:

„Die meisten Menschen können sich nur um Dinge kümmern, die ihre Familie und ihre unmittelbaren Freunde in naher Zukunft betreffen. Nur wenige denken weit voraus in die Zukunft von einem globalen Standpunkt aus.“

Im vollen Bewusstsein der allgemeinen Interessenlosigkeit hatte ich mich, ausgelöst durch die Erkenntnisse des ›Club of Rome‹, bereits zu Anfang der siebziger Jahre mit unpopulären Überlegungen hinsichtlich einer optimalen Staatsform befasst. Der erste Schritt war ein kurz gefasstes,19-Punkte- Programm, als Grundlage für das später von mir entwickelte Konzept zum Aufbau des idealen Staates.

Um etwas Vorhandenes besser zu machen, müssen zuerst die negativen Umstände des Bestehenden erkannt und ihre Ursachen erklärt werden, dann muss man sich darüber Gedanken machen, wie die erkannten negativen Erscheinungen ausgeschaltet werden können.

Der Mensch ist keineswegs so gut und edel, wie er nach den von ihm selbst geschaffenen Moralbegriffen sein sollte. Das Bestreben nach Sicherung einer Vormachtstellung und die bedenkenlose Bereicherung auf Kosten der Mitmenschen ist menschlich und daher folgerichtig als unausrottbares Übel in allen bisher entstandenen Regierungssystemen anzutreffen.

Die negativen, nur allzu menschlichen Verhaltensweisen allein mit Gesetzen und Strafmaßnahmen zu bekämpfen, hatte ich als nicht Erfolg versprechend erkannt. Ich suchte nach einem, völlig andern Weg, all jene moralisch verwerflichen, aber eben doch menschlichen Erscheinungen auszuschalten, und ich glaube, ihn gefunden zu haben.

Nicht allein durch Strafandrohung und Strafverschärfung, sondern ganz einfach durch das Herstellen der Nichtverfügbarkeit bezüglich der unseligen Hilfsmittel zur bösen Tat, kann ein optimales gesellschaftliches Regelsystem zustande kommen. Dabei müssen die Möglichkeiten, zum Nachteil der Solidargesellschaft handeln zu können, in der zum Grundkonzept des Idealen Staates gehörenden Verfassung ausgeschlossen werden.

Das von mir erstellte Konzept des idealen Staates kann nur bei völliger Souveränität und innerhalb gesicherter Grenzen verwirklicht werden. Darüber muss völlige Klarheit herrschen. Die zweite zwingende Vorgabe ist die absolute Neutralität. Nicht nur militärisch, sondern auch im weitesten Sinne politisch. Erst wenn diese beiden Voraussetzungen gegeben sind, kann eine Neuordnung im Sinne des idealen Staates ins Auge gefasst werden.

Für die meisten, auf menschliche Charakterschwäche beruhenden Missstände, ist im Konzept des idealen Staates eine probate Möglichkeit zu deren Neutralisierung vorgesehen. Die Voraussetzung dazu ist die radikale Veränderung des wirtschaftlichen Systems. Das privatkapitalistische Prinzip der auf Wachstum beruhenden Verschleißwirtschaft muss durch eine staatlich gelenkte Bedarfswirtschaft ersetzt werden. Produktionsstätten mit mehr als 200 Beschäftigten sollten vergesellschaftet, das heißt staatlich bewirtschaftet werden, sozusagen in volkseigenes Gemeinschaftseigentum übergehen. Nur so kann dem Grundübel aller bisherigen Herrschaftsformen, der menschliche Drang zur persönlichen Bereicherung auf Kosten der Solidargemeinschaft wirksam unterbunden werden.

Lasst mich diese These am Beispiel der Korruptionsbekämpfung erläutern.

Wenn die staatlichen Autoritäten keine Möglichkeit haben, Vorteile zu gewähren, wird sich niemand finden, der ihnen einen Vorteil anbietet. Korruption kann nur blühen, wenn man sich gegenseitig Vorteile anbieten kann. Wenn die Eliten der Staatsgewalt selbst übergeordnete Gebieter der im staatlichen Eigentum befindlichen Produktionsstätten sind, dann entfällt für sie die Möglichkeit der Vorteilsnahme. Die in staatlichen Produktionsstätten als Gehaltsempfänger engagierten Manager werden weder Veranlassung noch Möglichkeiten haben, dem Staat, ebenfalls vertreten durch seine Manager als Eigentümer der Produktionsstätte, einen Vorteil anzubieten. Was sie anzubieten hätten, gehört nicht ihnen, sondern dem Eigentümer. Die Manager im übergeordneten Staatsdienst mit Mitteln aus den staatseigenen Betrieben bestechen zu wollen, wäre ein sinnloses Unterfangen, weil es bedeuten würde, jemanden etwas zu geben, was ihm ohnehin gehört. Der gesamte Rohgewinn aus staatseigener Produktion fließt, anders als bei einem privatkapitalistischen, Gewinn orientierten, steuerpflichtigen Betrieb ohnehin direkt an die Staatskasse.

Ihre Gedanken in dem Aufsatz sind gut nachvollziehbar und verständlich! Die radikale Forderung nach Verstaatlichung wird natürlich bei den meisten auf Ablehnung stoßen. Das wird sich aber womöglich dann ändern, wenn die kapitalistische Verschleißwirtschaft noch offensichtlicher am Ende ist.

O.H. 27.12.2025

Meine Bemerkung dazu:

Ich schreibe nicht, um auf Anerkennung zu stoßen.

Wenn ich auf Anerkennung abzielen wollte, müsste ich mich in den Chor der Wachstum-Fordernden einreihen. Selbst wenn ich mich um die Zustimmung einer sehr kleinen organisierten Gefolgschaft sorgen müsste, könnte ich mich nicht mehr frei äußern. Wahrscheinlich muss man in einer, mit der meinigen vergleichbaren Situation sein, um wirklich frei reden und schreiben zu können. Konkret heißt das, es darf nichts mehr vorhanden sein, was zu verteidigen wäre.

Karl-Heinz Hoffmann

Lieber Karl-Heinz, 29.12.2025

in Deinem hohen Alter von achtundachtzig Jahren und mit der reichen Lebenserfahrung weiter Reisen durch die Türkei, Persien, Indien, Afghanistan und Syrien in den 1950er- und 1960er-Jahren – Erfahrungen, die Dich Türkisch und Persisch haben erlernen lassen – beeindruckt Dein unermüdliches Ringen um eine bessere Gesellschaftsordnung. Die Prüfungen von Verrat, Gefängnis und lebenslanger Verfemung verleihen Deiner Weltoffenheit und deinem Denken eine Tiefe, aus der vielleicht auch jene klare, schonungslose Abrechnung mit dem sowjetischen Kommunismus erwächst: als einem auf Klassenkampf und Unversöhnlichkeit gegründeten System. Darin spricht eine Weisheit, die nur aus gelebter Geschichte, scharfer politischer Reflexion und vielleicht auch persönlichem Leid entstehen kann.

Besonders bewundernswert erscheint Dein Ansatz, menschliche Schwächen nicht primär durch Strafe, sondern durch kluge institutionelle Gestaltung zu zügeln – durch die bewusste Nichtverfügbarkeit von Mitteln zur Korruption. Diese Idee erinnert ebenso an Platons Wächterstaat in der Politeia wie an Montesquieus Lehre von der Gewaltenteilung.

Auch Deine Vision einer staatlich gelenkten Bedarfswirtschaft, verbunden mit der Vergesellschaftung großer Produktionsstätten sowie mit strikter Souveränität und Neutralität, trägt den Stempel konsequenter Denkarbeit. Sie greift Motive auf, die bereits bei Thomas Morus’ Utopia oder in der stoischen Philosophie anklingen: die Vorstellung einer Ordnung, die sich an Naturgesetzen orientiert und gesellschaftliche Gegensätze zu mildern sucht.

Deine Verweise auf Schiller und den Club of Rome verweisen treffend auf die Grenzen menschlicher Hybris und dumpfe Beharrungskräfte der Massen – Einsichten, die sich bereits bei Polybios’ Verfassungskreisläufen oder bei Machiavelli im Principe finden.

Bei aller Bewunderung für diese lebenslange konsequente Suche nach dem Ideal, geprägt von Orient und Okzident, von Freiheit und Unterdrückung, mahnt jedoch die Geschichte – von Platon bis zu den großen Experimenten des 20. Jahrhunderts –, dass jede starke Zentralisierung von Macht und Wirtschaft stets das Risiko neuer Abhängigkeiten und Missbräuche birgt, selbst bei reinster, redlicher Absicht. Vielleicht ließe sich Dein Konzept durch eine angemessene Öffnung partizipativer Elemente für die Tüchtigen, im Sinne von Aristoteles’ gemischter Politeia, noch widerstandsfähiger gestalten.

So bleibt Dein Beitrag eine wertvolle Mahnung und eine zeitlose Inspiration in einer Zeit oft erschreckend oberflächlicher Debatten. Ich danke Dir für diese tiefgründigen Gedanken und wünsche Dir weiterhin solche beeindruckende Kraft und Klarheit.

Beste Grüße

 KHK


Meine Erklärung: Im hier zur Debatte stehenden Schriftsatz geht es darum Möglichkeiten zur Verhinderung der Korruption aufzuzeigen. Zum Thema Machtmissbrauch soll an anderer Stelle ausführlich die Rede sein. Das Prinzip ist immer das gleiche.

Verhinderung schlechter Verhaltensweisen durch Entfallen der Möglichkeiten zu Entfaltung des Übels. Ich bitte um etwas Geduld.

Karl-Heinz Hoffmann