Der Iran – gestern und heute

2/4/20268 min read

Als mich kürzlich ein Freund aus alten Zeiten besuchte, erinnerte er mich an ein im Jahr 1974 geführtes Gespräch. Ich hatte ihn damals auf die, meiner Meinung nach zu erwartenden Veränderungen im Iran hingewiesen. Mein Freund, seinerzeit im Gegensatz zu mir ein puristischer Nationalsozialist, hat mir meine Worte von damals wieder in Erinnerung gebracht. Er hatte mich seinerzeit ungläubig angeschaut, als ich sagte:

Wir, die dekadenten, gesättigten Europäer sind dem Untergang geweiht. Die uralten Kulturvölker des Orients, die den Anschluss an die Industrialisierung verschlafen haben, werden aus ihrem Jahrhundertschlaf erwachen, erneut zu Großmächten aufsteigen und uns ins unbedeutende Abseits drängen. So wird es kommen, ob uns das gefällt oder nicht.“

Genau diese Entwicklung sehen wir heute. Das persische Großreich der Antike, in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nur noch ein Schatten seiner selbst, hat sich in unserer Zeit zu einer ernstzunehmenden modernen Großmacht entwickelt. Eine wehrhafte Großmacht, vor der die USA und Israel zittern müssen.

Als ich 1956 zum ersten Mal in Teheran war, herrschte dort der von den Amerikanern auf den Pfauenthron gehievte Schah Reza Pahlewi mit seiner halbdeutschstämmigen Frau Soraya.

Ich will diese Herrschaftsperiode die Soraya-Zeit nennen.

Der Schah von Persien war damals in Deutschland sehr populär. Man konnte den Eindruck gewinnen, als würden die Perser beneidet, weil sie vermeintlich etwas hatten, was den Deutschen verloren gegangen war. Die Iraner hatten mit dem Kaiser und seinem glanzvollen Hofstaat etwas vermeintlich Verehrungswürdiges. Der persische Schah von Amerikas Gnaden erschien auf den Titelseiten der deutschen Illustrierten in seiner Phantasieuniform zusammen mit Kaiserin Soraya, wie die europäischen Könige. Die luxuriösen Ferien der Schah Familie in der Schweiz wurden in Deutschland bewundert. Im Iran erregten sie Anstoß.

Was ich während dieser Zeit in Persien sah, blieb den deutschen Lesern der illustrierten Zeitschriften verborgen.

Auf dem Weg nach Teheran, auf Straßen, die kaum mehr als Feldwege waren, sah ich die Armut des iranischen Volkes. Leute in Lumpen, wie ich es später nirgendwo sonst auf der Welt gesehen hatte. Welch ein krasser Unterschied zum glanzvollen Auftreten des persischen Kaisers. Ich sah eine bettelarme Bevölkerung. Leute, die sich in ihrem armseligen Dasein niemals sattessen konnten.

Und dann erreichte ich Teheran.

Ich hatte das Glück, auf Grund meiner persischen Sprachkenntnisse schnell familiären Anschluss zu finden. Eine Bahai-Familie, die einige Zeit in Österreich gelebt hatte, kümmerte sich um meine Belange. Sie half mir, bei einer deutschen Hochbaufirma Arbeit zu finden und war mir auch behilflich, ein gutes Quartier im Teheraner Armenier-Viertel zu finden.

Das gesellschaftliche Leben in Teheran war, anders als in den hoffnungslos verarmten Außenbezirken, gewissermaßen zweigeteilt. Im Zentrum der Stadt flanierten elegant gekleidete Leute. Die Herren im maßgeschneiderten Anzug mit Weste und Krawatte. Die Damen im Kostüm oder knielangen Kleidern nach der neuesten Mode. Daneben sah man natürlich auch die Vertreter der ärmsten Bevölkerungsschicht. Männer und Kinder in Lumpen, die Frauen bis auf das Gesicht von oben bis unten vom grundsätzlich in schwarz gehaltenen Tschador bedeckt. Auf den Straßen Teherans begegneten sich täglich zwei Welten, die nichts miteinander zu tun hatten.

Im Deutschland der fünfziger Jahre wurde der Schah von Persien bewundert. Im Iran hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Natürlich redeten die Leute nicht offen und ungezwungen. Der kaiserliche Geheimdienst (SAVAK) hatte seine Ohren überall. Statt deutlicher Kritik war öfters Spott zu hören. Auf meine Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz des Schah Regimes bekam ich zur Antwort: Schahe Iran cheli bosorge machsusan damagesch, zu Deutsch: Der iranische Schah ist sehr groß, besonders seine Nase. Das klingt vergleichsweise harmlos, lässt aber erkennen, dass konkrete Kritik gefährlich werden konnte. Kurzum, man hatte sich mit der ungeliebten Schah-Herrschaft arrangiert.

Die Händler konnten ungehindert von Sanktionen und ohne staatlicherseits auferlegte Zwänge ihren Geschäften nachgehen. Es herrschte Ruhe im Land.

Wie sich bald zeigen sollte, war es eine trügerische Ruhe.

1979 wurde das Schah-Regime gestürzt. Ich habe den Umsturz selbst nicht miterlebt. Ich bin seit 1957 nicht mehr im Iran gewesen. So konnte ich die Revolution nur von außen wahrnehmen. Ich gestehe freimütig, dass mir damals die islamische Revolution nicht gefallen hat, weil ich einen Rückfall in mittelalterliche Zustände befürchtet habe. Und tatsächlich hat sich die islamische Republik in der ersten Zeit kulturell, auf dem Weg zurück in religiöse Zwänge und weg von moderner persönlicher Freiheit bewegt.

Aber es kam anders. Vor zehn Jahren sagte einer meiner persischen Freunde aus den Tagen meiner Jugend zu mir: Die Mullahs werden an den persischen Frauen scheitern.“ In kultureller Hinsicht hat sich seine Voraussage bestätigt. Heute sieht man auf den Straßen Teherans ganz zwanglos elegante Damen ungeniert mit offenen Haaren neben tief verschleierten Frauen, ganz so wie ich es in der Soraya-Zeit gesehen hatte.

Was ist geschehen?

Die intellektuellen, politisch interessierten Kreise verachteten den jungen amerikahörigen Schah, sie hätten sich für den Republikaner Mossadegh entschieden, wenn man sie um ihre Meinung gefragt hätte.

Der Vater des letzten Schahs, Begründer der Pahlavi Dynastie: Reza Schah Pahlavi, der von 1925 bis 1941 Schah von Persien war, hatte vor seiner Absetzung und seinem Exil im Ausland versucht, den Iran zu modernisieren.

Ihn wünschte man sich auch nicht zurück, was mich angesichts seiner staatsmännischen Leistungen erstaunte.

Der alte Reza Schah, ursprünglich ein Kavallerieoffizier im Generalsrang (Sardar) kam 1925 an die Macht.

Er hatte in seiner Ausbildung als Wache bei der deutschen, der niederländischen und der belgischen Botschaft gedient und westliche Lebensart kennengelernt. Unermüdlich, auch mit unerbittlicher Härte begann er wichtige Reformen in Persien durchzusetzen. Er reformierte mit deutscher Hilfe das iranische Militär. Polizei und Postwesen organisierten die Schweden. Er veranlasste den Bau der Eisenbahn von Teheran nach Süden bis Abadan und im Norden nach Russland.

Er veränderte, nicht ohne Zwang und Härte, das gesellschaftliche Leben der Perser, indem er das Tragen von Kleidungsstücken mit religiösem Bezug verbot. Ihm war die Freizügigkeit hinsichtlich der Kleidung zu verdanken. Unter seiner Regie feierte man den Tag der Befreiung der Frauen.

Der alte Reza Schah orientierte sich bei seinen Reformen vorrangig am türkischen Staatschef Kemal Mustafa, an der Sowjetunion und später auch am nationalsozialistischen Deutschland.

Im zweiten Weltkrieg hatte er sich bis zum Schluss an die Seite Deutschlands gestellt, was ihm schließlich nach dem Sieg der Alliierten den Thron kostete.

Mir persönlich hat die Biographie des alten Schahs stets Hochachtung abgenötigt, den Iranern ist er wohl bei der Durchführung seiner Reformen zu streng gewesen.

Die Wende in Persien 1979

Die Beseitigung der US-gestützten Schah-Herrschaft konnte ich nur von außen wahrnehmen. Seit dem Jahr 1957 bin ich nicht mehr im Iran gewesen. Die islamische Revolution 1979 wurde von der überwiegenden Mehrheit der iranischen Bevölkerung getragen. So viel konnte man auch im Ausland erkennen. Die weit überwiegend schiitische Bevölkerung hatte sich begeistert dem Revolutionsführer Ayatollah Khomenei zugewandt. Ich blieb zunächst skeptisch. Die Versuche der Mullahs, eine auf Äußerlichkeiten abzielende Kulturrevolution auf Teherans Straßen durchzusetzen, waren nicht nach meinem Geschmack. Ich dachte an die Worte meines persischen Freundes, der mich mit den Worten beruhigte: „Die Mullas sind sehr streng, aber sie werden an den persischen Frauen scheitern, die Feindschaft gegenüber Amerika ist jedoch tief im iranischen Volk verankert und wird niemals vergehen“. Gegenwärtig sehen wir, dass er recht hatte. Die Mullahs haben den Kulturkampf um unwesentliche, religiös bestimmte Bekleidungsvorschriften aufgegeben. In dieser Hinsicht sind sie tatsächlich an den persischen Frauen gescheitert.

Hinsichtlich der technischen und sozialen Entwicklung des zuvor hoffnungslos rückschrittlichen Landes haben sie sich als erstaunlich erfolgreich erwiesen. Der inzwischen deutlich erkennbare obrigkeitliche Verzicht auf Durchsetzung kulturell islamisch bedingter Äußerlichkeiten erinnert mich an die frühen Verhältnisse in der ehemaligen DDR. Nachdem der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 niedergeschlagen war, hatten wir eine riesige Ver-haftungswelle erwartet, wir glaubten, dass die DDR-Führung unnachgiebig Rache nehmen wird. Aber es kam ganz anders. Wohl gab es einige Festnahmen und Strafprozesse, aber die erwartete große Verhaftungswelle blieb aus. Die DDR-Führung hatte verstanden, dass sie umschalten musste, wenn ein nochmaliges massenhaftes Aufbegehren verhindert werden sollte. Das Leben wurde nach dem 17. Juni für die Bevölkerung spürbar erleichtert. Die Versorgung wurde verbessert und die persönliche Freiheit kaum noch eingeschränkt.

Ähnlich kann man sich die gesellschaftlich kulturelle Entwicklung in der islamischen Republik Iran vorstellen. Aber damit wäre die Entwicklung der islamischen Republik Iran nur unvollkommen beschrieben.

Der Iran ist heute ein industriell hochentwickeltes Land mit einer Militärmacht, die das USA-Israel-Imperium erzittern lässt. Die Islamische Republik ist ein erfolgreiches Gegenmodell zur parlamentarischen Demokratie westlicher Prägung. Auch in sozialer Hinsicht hat die islamische Regierung eine beachtliche Verbesserung gebracht. Das iranische Volk müsste nicht mehr hungern, wenn die Sanktionen wegfallen würden. Alles in allem bewerte ich heute den im Iran praktizierten ›Islamischen Staat‹ durchaus positiv. Das Beispiel Iran lehrt uns, was ein Volk leisten kann, wenn es seine Souveränität erkämpft hat und sich dann aus eigener Kraft wieder zu einstiger Größe emporarbeitet. Dabei muss jedes Volk, vor allem das unsrige seinen eigenen Weg finden. Auf dem Weg hin zur historischen Größe haben die Iraner die erste Runde geschafft, aber es liegen noch gewaltige Schwierigkeiten vor ihnen: naturgegebene Umstände, die stärkere Hindernisse darstellen als die Handelsboykotte der USA. Strategisch-militärisch gesehen schützt die topographische Gestalt des Landes vor militärischen Interventionen. Das iranische Staatsgebiet ist an seinen Rändern von hohen Gebirgszügen schützend eingerahmt. Riesige Wüstenflächen würden das Vordringen von feindlichen Bodentruppen zur Hauptstadt erschweren, wahrscheinlich unmöglich machen. Das sind die zur Verteidigung nützlichen Elemente, aber es gibt auch ungünstige. Das iranische Staatsgebiet hat zu wenig Wasser, um eine wachsende Bevölkerung ausreichend versorgen zu können. Das Problem ist nicht unerkannt geblieben.

Ab 1989 leitete der Iran eine der weltweit effektivsten Familienplanungs-Kampagnen ein. Verhütungsmittel wurden breit verfügbar gemacht, Aufklärung betrieben und staatliche Stellen propagierten kleinere Familien. In der Folge fiel die Geburtenrate innerhalb eines Jahrzehnts drastisch.

Diese drastische Abnahme der Geburtenrate führte zu einer Alterung der Bevölkerung. Ab etwa 2013 forderte Ajatollah Chamenei die Steigerung der Bevölkerung auf 150 bis 200 Millionen. Bis 2025 wurde jedoch ein weiterer Bevölkerungsrückgang verzeichnet.

Gründe dafür sind veränderte Lebensentwürfe der jungen Generation, wie steigendes Heiratsalter und bessere Bildung der Frauen, sowie die anhaltende Wirtschaftskrise durch internationale Sanktionen.

Der Iran ist jetzt ein Industriestaat. Die Regierung schafft ständig neue Arbeitsplätze, aber die Industrialisierung kann mit dem auch geringeren Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten. Wassermangel und anhaltende Sanktionen werden den Iran künftig vor kaum lösbare Probleme stellen. Man wird sehen, wie und ob überhaupt die Perser mit diesen Herausforderungen fertig werden. Amerika & Israel sind besiegbar, aber die Natur ist ein unbesiegbarer Gegner.

04.02.2026

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Demografie_Irans

https://de.wikipedia.org/wiki/Reza_Schah_Pahlavi

Schreiben von F.H.Kocks K.G., Einladung zur Weihnachtsfeier

Schuhputzer in Teheran, der meine Schuhe putzt

Reza Chan als Sardar Sepah

Reza Schah mit Frau und Töchtern anlässlich des Tags zur Befreiung der Frau, 7. Jan. 1936

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