Der Blick durch das Zerrspiegel-Prisma: Warum das westliche Iran-Bild an der Realität scheitert
8/2/20263 min read


Der Blick durch das Zerrspiegel-Prisma: Warum das westliche Iran-Bild an der Realität scheitert
Wenn heute in den westlichen Medien – oft angeleitet von profilierten Journalisten im Exil wie Frau Golineh Atai – über den Iran berichtet wird, folgt die Analyse meist einem starren Schema. Man sieht einen repressiven Gottesstaat, der kurz vor dem Kollaps steht, und hofft auf den totalen Zusammenbruch, um endlich die westliche Freiheit einzuführen. Doch wer die Geschichte totalitärer Systeme aus eigener Anschauung kennt und die weltpolitischen Sachzwänge nüchtern analysiert erkennt schnell: Dieses Bild ist das Produkt eines ideologischen Käfigs.
Mit der Reife von 88 Jahren und dem Rückblick auf ein Leben, das das Dritte Reich, die frühe DDR und den Schah-Iran umspannt, sehe ich die Dinge heute völlig anders.
Der intellektuelle Käfig der „Reeducation“
Beobachter wie Frau Atai können sich oft nicht von den traumatischen Erlebnissen der ersten Revolutionsjahre und der Flucht ihrer Familien trennen. Hinzu kommt eine tiefe Sozialisation im bundesdeutschen Bildungssystem, das maßgeblich von den Prinzipien der westlich-amerikanischen Reeducation geprägt wurde. Wer in diesem System aufwächst, verinnerlicht das Dogma von der ewigen Herrlichkeit und Alternativlosigkeit der kapitalistischen Demokratie.
Dieses Narrativ wirkt wie ein Zerrspiegel: Wer darin gefangen ist, neigt dazu, gesellschaftlichen Fortschritt und staatliche Legitimität ausschließlich an westlichen Standards zu messen. Es macht unfähig, die innere Dynamik, die Eigenlogik und den realen Wandel eines Staates zu verstehen, der sich bewusst außerhalb dieses westlichen Wertesystems positioniert.
Das Paradoxon der Systemerhaltung: Meine Erfahrung aus der DDR
Meine eigene Biografie hat mich gelehrt, hinter die Kulissen der Ideologien zu blicken. In der Zeit des Nationalsozialismus war die Welt für uns als Kinder in Ordnung. Der totale Zusammenbruch 1945 und der Verlust von allem, was wir bewunderten, waren schrecklich. Plötzlich hatten wir kein Militär mehr, und unsere Soldaten wurden als Kriegsverbrecher geschmäht. Als Abkömmling einer großbürgerlichen Familie und adligen Wurzeln über die Mutter meines Vaters war ich in meiner Jugend natürlicherweise ein erbitterter Gegner des kommunistisch-russischen Systems in der DDR. Diese neue sozialistische Zeit war uns rein gefühlsmäßig zuwider.
Doch wenn ich heute auf die letzten Jahre der DDR zurückblicke, muss ich mich nüchtern fragen: Was war in den Strukturen eigentlich anders als im Dritten Reich? Es hat sich alles genauso entwickelt. Die Hitlerjugend (HJ) wurde durch die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ersetzt – das Braunhemd durch das Blauhemd. Die DDR baute eine Armee auf, die der alten deutschen Armee in Disziplin und preußischer Ästhetik zum Verwechseln ähnlich war. Und viele soziale Einrichtungen glichen den nationalsozialistischen. So gesehen war unser damaliger Widerstand im Grunde sinnlos; wir hätten nur zu warten brauchen, bis alles, was wir kannten, unter anderer Flagge zurückkommt.
Staaten kollabieren nicht einfach, weil sie autoritär sind. Sie passen sich an die tiefen, historisch gewachsenen und kulturellen Strukturen eines Volkes an, um zu überleben. Sie stabilisieren sich nach einer Phase der brutalen Konsolidierung, weil sie aus inneren Sachzwängen und der existenziellen Angst der Regierung vor regimefeindlichen Bestrebungen heraus handeln.
Der gewaltige Sprung nach vorn und die Vergesellschaftung des Öls
Genau diese systemische Kontinuität und Eigenleistung wird beim Blick auf den Iran komplett übersehen. Das Schah-Regime, das ich 1956 selbst per Autostopp bereiste und eine Zeitlang dort arbeitete war ein von Washington absolut beherrschtes System. Es war eine Diktatur, die den Reichtum des Landes an ausländische Konzerne verkaufte, während weite Teile der ländlichen, ärmeren Bevölkerung von Bildung, medizinischer Versorgung und sozialem Aufstieg komplett abgeschnitten blieben.
Die Islamische Revolution von 1979 hat – trotz anfänglicher Härten und vordergründigen religiösen Dogmen – einen gewaltigen strukturellen Sprung nach vorn vollzogen. Es fand eine im Schah-Regime undenkbare Alphabetisierungswelle statt, und die ländliche Infrastruktur wurde massiv ausgebaut.
Doch die historisch bedeutsamste Errungenschaft ist die tatsächliche, kompromisslose Vergesellschaftung der Ölindustrie. Erst durch die vollständige Verstaatlichung der Bodenschätze wurde die koloniale Ausbeutung durch westliche Konsortien beendet. Das Öl wurde zum echten Volksreichtum, der die technologische, wissenschaftliche und industrielle Unabhängigkeit des Landes überhaupt erst finanzierte. Ein solcher Schritt wäre unter einer amerikanischen Marionettenregierung wie der des Schahs niemals möglich gewesen.
Sollte das aktuelle islamische Regime durch einen vom Westen initiierten Umsturz verschwinden, was nicht zu erwarten ist, steht genau diese Errungenschaft auf dem Spiel. Eine westlich installierte Führung würde die alten kolonialen Interessen sofort wieder befördern. Der eigentliche Volksreichtum, das iranische Öl, würde privatisiert und flösse unverzüglich wieder in Richtung der USA ab.
Daraus folgt:
Wer den Iran nur von außen durch die Brille des westlichen Werte-Dogmas verurteilt, übersieht die ökonomische und historische Realität. Ein System, das die tiefen kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen seiner Geschichte erfolgreich verteidigt, implodiert nicht durch Proteste oder Sanktionen von außen. Ein Wandel vollzieht sich – wie damals in der DDR – durch eine langsame, innere Transformation der bestehenden Sachzwänge. Es ist an der Zeit, den ideologischen Käfig der westlichen Betrachtung zu verlassen und anzuerkennen, dass Fortschritt im Orient eigene, von den USA unabhängige Wege geht.
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