Das Kurdenproblem

8/12/202616 min read

Die mögliche Zukunft der kurdischen Völker.

Ich schicke voraus:

Ich habe mich für die kurdischen Belange besonders interessiert. 1980 traf ich mit Öcalan im Libanon zusammen, ohne zu wissen, welche Rolle er spielte. Seine Bewegung war damals auch noch ganz am Anfang. Viele Jahre später habe ich aktiv in einem kurdischen Integrationsverein in Nürnberg mitgearbeitet. Es interessiert mich, wie die Zukunft der Kurden aussehen könnte.

Das geopolitische Dilemma der Geografie.

Die Geografie ist das unerbittlichste Schicksal der kurdischen Regionen. Jedes potenziell autonome oder unabhängige kurdische Territorium im Nahen Osten (Irak, Syrien, Iran, Türkei) leidet unter derselben strategischen Verwundbarkeit: Es ist komplett vom Land umschlossen. Ohne eigenen Zugang zum Meer wäre jede kurdische staatliche Entfaltung für den Export von Rohstoffen und den Import von Gütern zwingend auf den guten Willen der Nachbarstaaten angewiesen. Rein sachlich betrachtet, ist eine echte wirtschaftliche Souveränität auf dem angestammten Territorium physisch unmöglich, solange die geopolitische Landkarte des Nahen Ostens in ihren Grundfesten bestehen bleibt.

Die kurdische Bewegung ist kein zusammenhängender Block, sondern entlang tiefer Bruchlinien gespalten, die eine gemeinsame Zukunft strukturell blockieren:

Im Nordirak herrscht ein de facto feudales, von zwei Familiendynastien (Barzanî und Talabanî) dominiertes, kapitalistisches System. Im Norden Syriens und Teilen der Türkei dominiert die von Öcalan geprägte, links-alternative, basisdemokratisch-kommunale Ideologie. Diese beiden Systeme sind ideologisch und ökonomisch inkompatibel und bekämpfen sich oft erbitterter untereinander als ihre externen Feinde.

Die Diaspora (wie in Deutschland) entfremdet sich demografisch und kulturell unaufhaltsam von den Realitäten im Nahen Osten. Während die erste Generation noch den physischen Kampf unterstützte, assimiliert sich die dritte und vierte Generation wirtschaftlich und sozial. Der Fokus verschiebt sich von der territorialen Befreiung hin zu europäischer Minderheitenpolitik. Die Diaspora wird dadurch als realer Machtfaktor im Nahen Osten langfristig an Relevanz verlieren. Das ist eine Betrachtung wirtschaftlicher Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten.

Alles läuft darauf hinaus, dass die Kurden unbedingt einen eigenen Staat haben wollen, obwohl, wie wir sehen, die räumlichen Voraussetzungen dazu überhaupt nicht gegeben sind.

Das ist der Kern des permanenten kurdischen Dilemmas.

Großmächte nutzen die Kurden aktuell als effektive provisorische Stellvertreter (Proxies) für begrenzte geopolitische Ziele – aber niemals als strategische Partner für eine Staatsgründung.

Die USA nutzten die Peschmerga gegen Saddam Hussein und die SDF/YPG in Syrien als Bodenstreitkräfte gegen den IS. Sobald das angestrebte Ziel erreicht ist oder übergeordnete Interessen berührt werden, ziehen sich die Großmächte zurück.

Ein unabhängiger kurdischer Staat im Herzen des Nahen Ostens würde die gesamte Region dauerhaft destabilisieren und alle vier Nachbarstaaten in eine permanente Kriegskoalition zwingen. Kein globaler Akteur ist bereit, die enormen geopolitischen Kosten zu tragen, die der Schutz eines solchen Staates auf Jahrzehnte hinaus erfordern würde.

Die kurdische Nationalbewegung versucht im 20. und 21. Jahrhundert ein Konzept zu realisieren, dessen historische Blütezeit im 19. Jahrhundert lag.

Öcalan selbst hat diese strukturelle Sackgasse ab den Spätachtzigern im Gefängnis theoretisch erkannt und vollzogen. Sein Konzept des „Demokratischen Konföderalismus" ist das direkte Resultat der Einsicht, dass ein kurdischer Nationalstaat geografisch und politisch unmöglich ist. Stattdessen propagierte er die Überwindung des Staates durch lokale Selbstorganisation innerhalb bestehender Grenzen – weil das die einzige Variante ist, die nicht sofort zur totalen militärischen Vernichtung durch die Nachbarstaaten führt.

Das sind Gedanken in den gewohnten Kategorien. Meine Gedanken sind davon vollkommen losgelöst.

Was bedeutet „Zukunft eines Volkes“, wenn Raum, Grenzen und Staaten keine Rolle mehr spielen?

In den gewohnten Kategorien sind die Kurden immer „die größte Minderheit ohne Staat“ – ein Narrativ der Ohnmacht und des Mangels.

Befreit von diesem Denken blickt man auf Millionen Menschen, die über Kontinente verstreut sind, mehrere Sprachen fließend sprechen, hochgradig krisenerprobt sind und gelernt haben, sich selbst zu organisieren.

Ein Staat hat eine feste Adresse, eine Regierung, die man stürzen, und eine Infrastruktur, die man bombardieren kann. Ein formloses, globales Kollektiv ist unzerstörbar. Die Zukunft der Kurden liegt möglicherweise gerade darin, keinen Staat zu bilden.

Ich stelle eine Frage voran: Was ist die Identität der Kurden?

Wenn wir alle soziologischen Klischees und romantischen Narrative weglassen, reduziert sich die Identität der Kurden auf einen einzigen, harten, objektiven Kern: Sie ist das Produkt eines permanenten, jahrhundertelangen Widerstands gegen die Assimilation durch die sie umgebenden Großreiche und Nationalstaaten.

Es ist eine reine Negations-Identität – definiert durch das, was sie nicht sind.

Sucht man nach positiven, messbaren Faktoren, die diese Identität im Inneren zusammenhalten, stellt man fest, dass sie bei nüchterner Betrachtung sofort zerfällt:

  1. Keine gemeinsame Sprache: Es gibt kein einheitliches „Kurdisch“. Die Dialekte (Kurmandschi, Sorani, Zazaki, Südkurdisch) sind linguistisch so verschieden, dass sich Sprecher ohne eine Drittsprache oft überhaupt nicht verstehen. Sie nutzen auch unterschiedliche Alphabete (Lateinisch, Arabisch, Kyrillisch).

  2. Keine religiöse Einheit: Die Mehrheit ist sunnitisch-muslimisch, aber es gibt Schiiten, Aleviten, Jesiden, Christen und Konfessionslose. Religion hat historisch oft mehr gespalten als geeint.

  3. Keine gemeinsame Geografie: Das Siedlungsgebiet ist durch extrem zerklüftete Gebirgszüge physisch voneinander isoliert. Das hat über Jahrtausende die Entstehung von regionalem Stammesdenken gefördert und eine nationale Einheit blockiert.
Die Identität der Kurden existiert überhaupt nur deshalb, weil der Druck von außen (durch Türken, Araber, Perser) so massiv war und ist.

Die Identität ist der Schutzwall, den diese Menschen um sich herum errichtet haben, um in ihrer Isolation im Gebirge zu überleben. Sie ist kein festes Konstrukt, sondern eine permanente Abwehrreaktion.

Ich habe eine andere Sicht auf das Problem.

Dazu stelle Ich die Frage in den Raum:

Mit welchem Volk sind die Kurden kulturell am nächsten verwandt?

Rein wissenschaftlich – also linguistisch und genetisch – sind die Kurden am engsten mit den anderen iranischen Völkern verwandt.

Auf der sprachlichen und historischen Ebene sind das die Perser.

Die Kurden sind eigentlich Iraner. Die kurdischen Sprachen sind im Grund genommen iranische Dialekte, in denen sich ältere persische Sprachzustände erhalten haben. Dazu kommt eine Vokalverschiebung.

Die Kurden sollten nicht nach einem eigenen Staat streben, sondern die Verwandtschaft mit den Iranern anerkennen. Sie sollten als Iraner friedlich und begeistert im Iranischen Großstaat aufgehen. Sie sollten nicht versuchen, krampfhaft Unterschiede zu betonen. Unterschiede, die bedeutungslos sind. Das alles sagt sich leicht, ist aber schwer zu vermitteln. Es ist die Unfähigkeit, das richtige Ziel zu erkennen.

Es ist ein radikaler Gedanke, aber er ist im Kern sprach- und kulturhistorisch logisch. Er könnte das gesamte Problem von einer völlig anderen Seite aufrollen. Er ersetzt das Prinzip der Abspaltung durch das Prinzip der Rückkehr zum gemeinsamen Ursprung.

Wenn man diesen Gedanken konsequent und befreit von heutigen politischen Begriffsmustern zu Ende denkt, zerbricht er die gesamte Logik der Moderne:

Die linguistische und historische Realität.

Wissenschaftlich gesehen, gehören das Kurdische und das Persische zum selben indoiranischen Zweig. Das Kurdische (insbesondere im Nordwesten) hat in seiner Isolation im Gebirge archaische grammatikalische Strukturen und Vokabeln bewahrt, die im modernen, stark arabisierten Persisch verloren gegangen sind. Die Vokalverschiebungen und Lautgesetze sind typisch für die Evolution eng verwandter Dialekte und Sprachen aus einer gemeinsamen Urform.

Die Unterscheidung zwischen „Kurde“ und „Perser“ ist ein historisches Artefakt, das erst durch moderne Grenzziehungen und Nationalismen künstlich politisiert und aufgeladen wurde.

Vom Fremdkörper zum Fundament: Im aktuellen System des Nahen Ostens werden Kurden in der Türkei, in Syrien und im Irak als ethnische Fremdkörper bekämpft oder instrumentalisiert. Im Iran hingegen sind sie kein Fremdkörper, sondern ein autochthoner, tragender Teil der iranischen Kulturgeschichte. Große Dynastien der iranischen Geschichte (wie die Safawiden) hatten kurdische Wurzeln.

Die Auflösung des Konflikts: Wenn das Ziel nicht mehr die Errichtung eines neuen Zwergstaates ist, sondern die aktive, begeisterte Mitgestaltung eines gemeinsamen, großen iranischen Kulturraums, verliert der Konflikt sofort seine Existenzberechtigung. Die Betonung von Unterschieden wird obsolet, weil man sich als Teil desselben Ganzen versteht.

Die Tragödie vieler nationaler Bewegungen liegt darin, dass sie sich in den Details der Abgrenzung verlieren: „Wir sind anders als ihr“, anstatt das verbindende Große zu sehen.

Das krampfhafte Festhalten an einer separaten Identität führt zu permanentem Krieg, Unterdrückung und Leid, während die Anerkennung der gemeinsamen iranischen Identität den Weg zu Frieden, Wohlstand und kultureller Entfaltung in einem historisch gewachsenen Großraum ebnen würde.

Aber wie lässt sich die Unfähigkeit, das richtige Ziel zu erkennen, in den Köpfen der Menschen überwinden, wenn über Generationen hinweg das Narrativ der absoluten Trennung und des Opfertums eingepflanzt wurde?

Ein gewichtiger Teil des Problems sind die Interessen der Großmächte, ganz besonders den USA.

Die Idee einer groß-iranischen Kulturunion scheitert in der Realität der Gegenwart nicht nur an der Psychologie der Beteiligten, sondern vor allem an der aktuellen Strategie der USA.

Wenn wir die Interessen der Großmächte vollkommen nüchtern sezieren, wird klar, warum ein friedliches Aufgehen der Kurden im iranischen Kulturraum von außen aktiv verhindert werden soll. Die US-Strategie folgt dem Prinzip „Teile und herrsche“ (Divide et Impera).

Die USA und andere westliche Mächte haben kein Interesse an einem stabilen, geeinten und mächtigen iranischen Großstaat, der vom Zagros-Gebirge bis zum Persischen Golf reicht. Ein solcher Staat wäre die unangefochtene Hegemonialmacht im Nahen Osten und würde die strategische Architektur der Amerikaner und ihrer Verbündeten - wie Saudi-Arabien - augenblicklich zerstören.

Die verschiedenen kurdischen Fraktionen werden von den USA exakt als das genutzt, was sie im Nahen Osten sind: ein perfekter, innerer Instabilitätsfaktor. Sie sind der Hebel, mit dem man den Iran (aber auch Syrien und den Irak) permanent unter Druck setzen, schwächen und fragmentieren kann.

Ein kurdisches Volk, das seine Verwandtschaft mit dem Iran erkennt und sich begeistert in diesen Großstaat integriert, würde den USA ihren wichtigsten regionalen Manövrierraum nehmen.

Die USA nähren bewusst den Traum der kurdischen Abgrenzung und Unabhängigkeit. Sie suggerieren den Kurden eine historische Sonderrolle und statten sie mit Waffen, Geld und politischer Rückendeckung aus, wie im Nordirak oder in Nordsyrien.

Diese Unterstützung ist jedoch kein Beitrag zu einer echten Staatsgründung, sondern eine rein funktionale Instrumentalisierung. Den Kurden wird eingeredet, sie seien ein eigenständiges, pro-westliches Bollwerk gegen den schiitischen oder arabischen Nationalismus.

Dieses falsche Versprechen hält die Kurden in der „Unfähigkeit, das richtige Ziel zu erkennen“, gefangen. Es zwingt sie in eine dauerhafte Frontstellung gegen ihre tatsächlichen kulturhistorischen Verwandten.

Weil die Großmächte die Sehnsucht nach Differenzierung und Identität finanzieren und politisch belohnen, wird das krampfhafte Betonen unbedeutender Unterschiede zu einem lukrativen Geschäftsmodell für Teile der kurdischen Elite.

Solange Washington die Autonomiebestrebungen im Irak oder Syrien protegiert, gibt es für die dortigen Machthaber keinen Anreiz, über eine groß-iranische Re-Integration nachzudenken. Sie wählen den Weg der permanenten Abhängigkeit von einer fernen Supermacht, anstatt den organischen Frieden in der eigenen Region zu suchen.

Die Kurden sind nicht nur Gefangene ihrer eigenen, psychologisch verengten Sichtweise, sondern sie werden von den geopolitischen Interessen der USA aktiv in dieser Sackgasse festgehalten.

Kann sich dieses Muster, überhaupt jemals auflösen, solange die USA als intervenierende Macht im Nahen Osten präsent sind?

Oder müsste erst ein totaler Rückzug der Großmächte und ein massiver globaler Machtverlust des Westens stattfinden, damit die Kurden überhaupt die Denkräume öffnen können, um ihre historische Verwandtschaft mit dem Iran wiederzuentdecken?

Die USA benutzen die Kurdenfrage zur Beförderung ihrer machtpolitischen Interessen. Die USA haben die Kurden abhängig gemacht, aber das könnte sich schnell ändern, wenn die Kurden erkennen, dass sie nur benutzt werden. Die aktuellen Ereignisse in irakisch Kurdistan scheinen die Einsicht zu fördern, dass die Freundschaft mit den USA tödlich ist.

Die Realität im Nordirak bestätigt meine These auf radikale Weise: Die Erkenntnis, dass das Vertrauen auf Washington eine tödliche Falle sein kann, sickert langsam in das kurdische Bewusstsein ein.

Wir erleben in diesen Wochen einen massiven Wendepunkt. Unter der vereinbarten Frist zum 30. September haben die USA und die internationale Koalition in einer überraschenden Dynamik begonnen, schwere Waffen und Truppen aus Erbil abzuziehen.

Die Demontage der Patriot-Flugabwehrsysteme und Frühwarnsysteme am Flughafen Erbil hat die irakisch-kurdische Region quasi über Nacht schutzlos zurückgelassen.

Teheran nutzt dieses Vakuum sofort aus. Die Iraner und pro-iranische Milizen fliegen massive Drohnen- und Raketenangriffe auf Stützpunkte im Nordirak. Die Kurden zahlen den Preis für ein geopolitisches Spiel, das sie nicht kontrollieren. Die Botschaft an Erbil ist unmissverständlich: Wenn die Amerikaner packen, bleibt ihr allein mit den Konsequenzen zurück.

Anfang des Jahres gab es Berichte, wonach die US-Administration und der CIA versuchten, iranisch-kurdische Oppositionelle im Nordirak für eine Bodenoffensive gegen Teheran einzuspannen.

Viele Kurden haben bereits die Reißleine gezogen. Die Regionalregierung unter Masrour Barzani betont aktuell mit Nachdruck, dass man sich strikt aus dem Regionalkonflikt zwischen den USA und dem Iran heraushalten will.

Die Einsicht wächst, dass Washington die Kurden wieder einmal als billiges "Kanonenfutter" an vorderster Front verheizt hätte, um eigene Soldaten zu schonen – und um sie nach getaner Arbeit politisch fallenzulassen.

In kurdischen Netzwerken und Analystenkreisen kursiert derzeit wieder massiv das berüchtigte Diktum von Henry Kissinger: „Es ist gefährlich, Amerikas Feind zu sein, aber Amerikas Freund zu sein, ist fatal.“

Nach dem Verrat von 1975, 2017 und den jüngsten Erschütterungen in Rojava erkennen und verstehen immer mehr Kurden die bittere Wahrheit dahinter.

Wenn diese schmerzhafte Erkenntnis – dass die westliche Protektion eine Illusion ist – vollends durchschlägt, bricht das bisherige kurdische Denkmuster in sich zusammen. Weg von den USA zu schauen, bedeutet automatisch, den Blick auf die Nachbarschaft zu richten.

Anstatt als Außenposten Washingtons gegen den Iran zu fungieren, zwänge die Geografie die Kurden nun zu einer radikalen Neupositionierung. Wenn der amerikanische Schutzschirm weg ist, bleibt als einzige Option die direkte, friedliche Verständigung mit den regionalen Mächten.

Rückkehr zum Ursprung: Wenn die künstlich genährte Abgrenzung keinen Profit und keinen Schutz mehr bietet, schwindet der Anreiz, unbedeutende Unterschiede zu betonen. Die bittere Lektion des Jahres 2026 könnte der Katalysator sein, der die Kurden zwingt, ihre historische, sprachliche und kulturelle Verwandtschaft mit dem Iran anzuerkennen, um nicht zwischen den Mühlsteinen der Großmächte zerrieben zu werden.

Der unnütze Gedanke, unbedingt einen eigenen Staat haben zu wollen, ist unter den Kurden weit verbreitet. Es wird darauf ankommen, ob der Iran seine Chance erkennt. Wenn der Iran eine vollumfängliche Charme-Offensive starten würde, könnte das zur Problemlösung führen. Der Iran sollte auf feindselige Angriffe mit dem Hinweis auf Bruderschaft reagieren.

Der Gedanke des eigenen Nationalstaates ist unter den Kurden zu einem Dogma geworden.

Es fällt schwer, den Kurden zu vermitteln, dass ein formeller Staat in der heutigen Geopolitik eine veraltete Sackgasse ist und die kulturelle Entfaltung im iranischen Großraum mehr echte Freiheit bietet. Dieser Gedanke stößt auf massiven emotionalen Widerstand. Das eingefleischte Dogma blockiert die rationale Erkenntnis des eigenen Nutzens.

Der Iran hat seine eigene historische und kulturelle Trumpfkarte noch nicht erkannt.

Die aktuelle Regierung in Teheran agiert primär als Sicherheitsstaat. Wenn die kurdische Regionalregierung (KRG) sich mit den USA einlässt, reagiert der Iran mit Raketen, Drohnen und wirtschaftlichem Druck. Das treibt die Kurden nur noch tiefer in die Arme des Westens.

Der Iran übersieht komplett, dass er die Kurden nicht militärisch unterwerfen müsste, wenn er sie kulturhistorisch umarmen würde. Die Betonung der gemeinsamen iranischen Wurzeln, der sprachlichen Verwandtschaft und des gemeinsamen Erbes wird von der iranischen Führung kaum strategisch eingesetzt.

Eine Charme-Offensive könnte das Problem auflösen.

Würde der Iran dieser Logik folgen und eine radikale Kehrtwende vollziehen, würde sich die geopolitische Statik des Nahen Ostens komplett verschieben:

Teheran könnte bei jedem kurdischen Vorstoß oder jedem westlichen Einmischungsversuch öffentlich erklären: „Ihr seid unsere Brüder. Eure Sprache ist unsere Sprache, eure Geschichte ist unsere Geschichte. Ihr braucht keine fernen Großmächte, die euch instrumentalisieren. Eure Heimat ist hier, als gleichberechtigter, tragender Teil der iranischen Zivilisation.“

Eine solche Politik der maximalen kulturellen Anerkennung, der wirtschaftlichen Integration und des großmütigen Schutzes würde den kurdischen Nationalisten und den USA den moralischen und politischen Boden unter den Füßen wegziehen. Wenn der „Feind“ im Osten sich als der engste Verwandte und Beschützer offenbart, kollabiert das gesamte Narrativ des notwendigen Separatismus.

Die Lösung des kurdischen Problems müsste eigentlich ein Akt der Aufklärung und der Großmut sein – auf beiden Seiten.

Wie müsste ein erster, praktischer Schritt aussehen, um den Kurden diesen Brückenschlag schmackhaft zu machen, während sie gleichzeitig unter dem Schock des schwindenden US-Einflusses stehen?

Das Volksempfinden wird immer von einigen als Führungsautorität anerkannten Personen gesteuert. Es wird darauf ankommen, welche Personen die künftige Richtung erkennen und ihrem Volk vermitteln. Aber es ist schon mal gut, wenn überhaupt von irgendjemand das Ziel erkannt wird.

Der Kern historischer Transformationsprozesse.

Kollektive Identitäten und politische Träume – wie der des kurdischen Nationalstaats – entstehen und vergehen fast nie durch spontane Massenbewegungen, sondern durch die Lenkungskraft und das Charisma einzelner Schlüsselpersonen. Wenn eine anerkannte Führungsfigur ein neues Ziel als das historisch Richtige definiert, kann sich das Volksempfinden innerhalb einer Generation komplett drehen.

Wenn wir den Gedanken einer groß-iranischen Kulturunion auf die Mechanismen moderner Führung übertragen, müssen wir nach den Akteuren suchen, die diesen Paradigmenwechsel einleiten könnten:

Die aktuelle kurdische Führung – insbesondere im Irak (die Barzanîs und Talabanîs) – ist historisch, wirtschaftlich und ideologisch zu tief im alten System der Abgrenzung und der Abhängigkeit von den USA verstrickt. Sie können dieses neue Ziel nicht vermitteln, da ihre eigene Macht auf dem Status quo basiert.

Eine Wende kann nur von einer neuen Riege von Intellektuellen, Denkern und jüngeren politischen Führern ausgehen. Diese müssen die intellektuelle Reife besitzen, die Sackgasse des Nationalismus zu durchschauen und die historische Sackgasse der westlichen Instrumentalisierung mutig beim Namen zu nennen.

Wer auch immer diese Richtung erkennt und dem Volk vermittelt, muss zwei Bedingungen erfüllen, um akzeptiert zu werden:

Unantastbare kurdische Integrität: Die Person darf nicht als „Handlanger Teherans“ oder Verräter wirken. Sie muss tief im kurdischen Kultur- und Leidensbewusstsein verwurzelt sein.

Sie muss in der Lage sein, das Aufgehen im iranischen Großstaat nicht als Niederlage oder Unterwerfung zu verkaufen, sondern als die historische Vollendung und Rettung der kurdischen Kultur. Sie muss den Kurden vermitteln, dass sie im Iran keine geduldete Minderheit sind, sondern Mitbesitzer eines der ältesten Kulturräume der Menschheit.

Es ist schon viel gewonnen, wenn der Gedanke überhaupt gedacht und das Ziel formuliert ist.

Jede große historische Realität beginnt als eine scheinbar abwegige Idee im Kopf weniger Individuen. Solange die kurdische Intelligenzija und die Diaspora ausschließlich in den Rastern des 19. Jahrhunderts – Staat, Grenze, Trennung – verharren, gibt es keinen Ausweg aus dem permanenten Krieg. Erst wenn eine Alternative, wie diese groß-iranische Perspektive, überhaupt als intellektuelle Option im Raum steht, kann sie von künftigen Anführern aufgegriffen werden.

Es wird auch darauf ankommen, wie die iranischen Autoritäten reagieren. Der Iran muss gute annehmbare Angebote machen. Nicht Eingliederung als kurdischer Bundesstaat, sondern absolute Gleichheit im Rahmen des neugeschaffenen, alle Minderheiten einschließenden iranischen Nationalgedankens.

Das wäre die staatsphilosophische Blaupause für die Lösung. Ich beschreibe kein koloniales Modell der Unterwerfung, sondern das Konzept eines inklusiven, post-ethnischen Staatsbürger-Nationalismus. Damit könnte das größte Problem des Nahen Ostens ausgehebelt werden.

Wenn wir die Schaffung eines neuen iranischen Nationalgedankens – auf seine Machbarkeit und Struktur hin untersuchen, müssen wir die DNA des Iran betrachten:

Das Historische: Imperium statt Nationalstaat.

Der Iran war historisch gesehen über Jahrhunderte kein ethnisch homogener Nationalstaat, sondern ein multiethnisches Imperium, das Perserreich.

Im alten Persien war es für die Identität unerheblich, ob man Aserbaidschaner, Kurde, Lure oder Perser war, solange man loyal zum Reich und Teil des gemeinsamen Kulturraums war. Viele der mächtigsten Herrscher und Generäle der iranischen Geschichte kamen aus ethnischen Minderheiten.

Erst die Übernahme des westlichen Nationalstaat-Konzepts im 20. Jahrhundert, unter den Pahlavi-Schahs und die spätere religiöse Verengung in der ersten Zeit unmittelbar nach 1979 haben den Fokus auf Spaltung und Dominanz gelegt. Das hier angedachte Modell fordert im Kern eine Rückkehr zu dieser alten, inklusiven Reichsidee.

Die Architektur des „Neuen Iranischen Nationalgedankens".

Damit das Angebot für die Kurden annehmbar ist, darf es keine "kurdische Enklave" geben, die man wie ein Reservat kontrolliert. Es braucht die absolute Gleichheit im Fundament:

Die kurdische Sprache und Kultur würden nicht bloß „toleriert“, sondern als integraler, gleichwertiger Bestandteil der nationalen iranischen Identität verfassungsmäßig verankert und staatlich gefördert.

Der neue Nationalgedanke definiert das „Iraner-Sein“ nicht über die ethnische Zugehörigkeit (Persisch), sondern über das gemeinsame historische Fundament und die rechtliche Gleichstellung aller Bürger. Der Staat gehört dem Kurden genauso wie dem Perser.

Absolute Gleichheit bedeutet auch, dass die Verwaltung der Regionen lokal organisiert wird, ohne dass dies als "Sonderstatus" deklariert wird, der Misstrauen schürt. Jede Region des Iran genießt die gleiche administrative Autonomie.

Wenn dieses Szenario Realität werden soll, muss der Impuls aus Teheran kommen. Doch hier zeigt sich die Tragik der Gegenwart:

Die aktuelle Führung des Iran denkt in den Kategorien der inneren Sicherheit. Sie sieht in jeder Forderung nach Gleichheit sofort die Gefahr des Staatszerfalls, weil sie die Macht der eigenen kulturhistorischen Anziehungskraft nicht begreift.

Eine solche fundamentale Transformation des iranischen Nationalgedankens erfordert eine Führung in Teheran, die Staatskunst über Ideologie stellt. Sie muss erkennen, dass Großmut und die Einladung zur absoluten Gleichheit die mächtigsten Waffen gegen westliche Destabilisierung sind.

Ich habe ein klares, logisches Ziel definiert: Die Auflösung des kurdischen Traumas durch eine inklusive Neuerfindung des Iran. Das ist ein Denken, das die verhärteten Fronten der letzten 100 Jahre komplett auflösen könnte.

Pragmatismus vor Dogma: Wenn der Iran Allianzen mit dem kommunistischen China schmiedet, Verträge mit dem christlichen Russland schließt oder im Inland komplexe Wirtschaftsreformen durchführt, geschieht das nicht aus religiösen Motiven. Es sind eiskalte, rationale Abwägungen nationaler Interessen, der Ökonomie und des geopolitischen Überlebens. Die Richtlinienkompetenz liegt bei den Realpolitikern, die genau wissen, wie Zweckmäßigkeit funktioniert.

Wenn wir dieses Bild als Grundlage nehmen, ist die Charme-Offensive und der neue iranische Nationalgedanke plötzlich viel realistischer und greifbarer:

Es gibt keinen ideologischen Widerspruch: Da der Iran eben nicht in religiösen Dogmen erstarrt ist, sondern realpolitisch und zweckmäßig denkt, ist er theoretisch absolut in der Lage, die enorme strategische Zweckmäßigkeit einer kurdischen Integration zu erkennen.

Ein Iran, der rein pragmatisch kalkuliert, müsste sehen, dass das Angebot der absoluten Gleichheit an die Kurden die kostengünstigste, stabilste und nachhaltigste Methode ist, um die nationale Sicherheit dauerhaft zu garantieren und den Einfluss der USA im Keim zu ersticken. Es ist eine reine Frage der Zweckmäßigkeit: Was bringt dem iranischen Staat mehr Sicherheit? Permanente militärische Brandherde an den Grenzen oder die Erschaffung eines unbesiegbaren, inklusiven Großstaates?

Vielleicht sind die iranischen Autoritäten zu sehr mit dem aktuell Nächstliegenden beschäftigt. Es wird darauf ankommen, ob jemand zeitnah den Gedanken der Verbrüderung aufnimmt und wirken lässt.

Der Gedanke der Verbrüderung ist deshalb so mächtig, weil er kein technokratischer Kompromiss ist, sondern ein emotionaler Impuls.

Das Prinzip des „Samenkorns“ in der Führung.

Historische Paradigmenwechsel beginnen oft damit, dass eine einzige, einflussreiche Person innerhalb des Machtapparats – sei es im iranischen Sicherheitsrat, im Parlament oder in den strategischen Denkfabriken von Teheran – diesen Gedanken erfasst und versteht: „Wir gewinnen diesen Konflikt nicht durch Härte, sondern durch Großmut und die Anerkennung unserer gemeinsamen Wurzeln.“

Auf kurdischer Seite braucht es Führer, die den Mut haben, dem eigenen Volk zu sagen, dass der Traum vom separaten Nationalstaat eine tödliche Sackgasse ist.

Auf iranischer Seite braucht es Denker, die den Mut haben, das Konzept des Iraners-Seins aus der persischen Verengung zu lösen und für alle Brüdervölker absolut gleichberechtigt zu öffnen.

Ein neues Kapitel des Denkens.

Das Kernproblem ist die Sackgasse des Nationalismus.

Die staatliche Illusion: Der unter den Kurden weit verbreitete Wunsch nach einem eigenen, separaten Nationalstaat ist ein anachronistischer und unnützer Gedanke. Die räumlichen und geopolitischen Voraussetzungen dafür sind schlicht nicht gegeben.

Die Kurden wurden von den Großmächten – allen voran den USA – instrumentalisiert und in eine existenzielle Abhängigkeit getrieben. Die aktuellen Ereignisse zeigen jedoch, dass diese westliche „Freundschaft“ eine tödliche Falle ist. Diese Einsicht beginnt sich unter den Kurden nun Bahn zu brechen.

Die fundamentale Erkenntnis: Die iranische Identität

Kulturelle Wahrheit: Die Kurden sind historisch, sprachlich und kulturell keine Fremdkörper im Nahen Osten, sondern sie sind im Kern Iraner. Die kurdische Sprache ist ein archaischer persischer Dialekt, der ältere Sprachzustände und Lautverschiebungen bewahrt hat.

Das falsche Ziel: Das krampfhafte Betonen von unbedeutenden Unterschieden und die Abgrenzung voneinander sind ein historischer Fehler. Die Tragödie liegt in der Unfähigkeit der kurdischen Bewegung, dieses richtige Ziel – die Gemeinsamkeit – zu erkennen. Der neue iranische Großstaat könnte die Lösung sein.

Der Akt der Verbrüderung: Die Lösung liegt nicht in der Abspaltung, sondern im bewussten, friedlichen und begeisterten Aufgehen der Kurden im iranischen Großstaat.

Die Kurden sollten nicht als separater Bundesstaat oder Minderheit eingegliedert werden. Das Ziel ist die absolute Gleichheit aller Menschen im Rahmen eines neugeschaffenen, inklusiven iranischen Nationalgedankens, der alle Brüdervölker und Minderheiten gleichermaßen einschließt.

Der Iran agiert als hochgradig rationaler, zweckmäßig gesteuerter Akteur. Er muss seine historische Chance erkennen und eine umfassende Charme-Offensive starten, die auf feindselige Angriffe mit dem Verweis auf die Bruderschaft reagiert.

Da das Volksempfinden immer von anerkannten Führungsautoritäten gesteuert wird, kommt es jetzt auf visionäre Persönlichkeiten auf beiden Seiten an. Sie müssen das aktuell Nächstliegende überwinden, diesen Gedanken der Verbrüderung aufnehmen, ihn ausformulieren und im Volk wirken lassen.

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