Analyse zu Russlands Krieg in der Ukraine von Precht ist schlecht

2/27/20263 min read

Der arrivierte Philosoph Richard David Precht hat sich mit einem Video zur militärischen Potenz Russlands zu Wort gemeldet. Er bezeichnet die russische Kriegsführung in der Ukraine als jämmerlich. Dabei verweist er auf die, im Verhältnis zur langen Kriegsdauer geringen Gebietsgewinne. Und will daraus die grundsätzliche Schwäche der russischen Armee ableiten.

Ich will seine Analyse nicht weiter darlegen, Ihr könnt Euch seine grandiose Fehlinterpretation selbst im Original bei YouTube anschauen und urteilen.

Es ist erstaunlich, wie manche westliche Analysten glauben, genau zu wissen, was Putin, respektive die russische Staatsführung will. Tatsächlich wissen sie nichts und verstehen gar nichts. Die westlichen Politiker und ihre gelehrten Analysten können hinsichtlich militärischer Belange nur in den Kategorien der angloamerikanischen Kriegsführung des zweiten Weltkrieges denken, wonach die massenhafte Vernichtung der als feindlich betrachteten Völker das strategische Ziel ist.

Das ist ein entscheidender, die vernünftige Beurteilung erschwerender Mangel. Precht glaubt, die Entwicklung zum Grabenkrieg in der Ukraine, die eher dem ersten als dem zweiten Weltkrieg ähnlich zu sein scheint, wäre ein Zeichen von russischer Schwäche.

Nach meinem Dafürhalten ist die russische Kriegsführung in der Ukraine, sowohl strategisch als auch taktisch perfekt. Schon zu Beginn des Krieges bemerkte General Kujat a.D., ohne es weiter auszuführen: „Die Ukrainer machen es den Russen natürlich auch leicht.“

Was er meinte, ist klar.

Kujat meinte das taktische Vorgehen der russischen Streitkräfte. Von Anfang an ist es den Russen immer wieder gelungen, die Ukrainer einzukesseln. Die Geschichte des Ukrainekrieges ist eine ununterbrochene Abfolge von zahlreichen kleinen Kesselschlachten entlang der 1300 Kilometer langen Front im Donbass.

Das russische Militär wendet die „Strategie des fließenden Wassers“ an. Verlustreiches Erstürmen gut zur Verteidigung eingerichteter Städte wird nach Möglichkeit vermieden. Die russischen Kampfverbände umschließen stark befestigte Positionen, kesseln sie ein und zwingen die feindliche Armee zum Rückzug. Dabei ist interessant zu sehen, dass es sich stets um Halbkessel handelt, die dem Gegner den Weg zum Rückzug erlauben. Die Russen wollen nicht unbedingt vernichten, sie wollen zernieren. Precht spricht von riesigen Verlusten auf beiden Seiten. Dabei erhebt sich die Frage, wer die personellen Verluste länger aushalten kann. Die Ukraine hat alles, was an kriegstauglichen Männern vorhanden ist, mobilisiert.

Das ukrainische Reservoir an rekrutierungsfähigen Personen ist erschöpft, während Russland bis jetzt noch nicht gezwungen war, von der Generalmobilmachung Gebrauch zu machen.

Die Russen setzen weitgehend neben Freiwilligen fremde Söldner und Strafgefangene als Sturmgruppen ein. Das tun die Ukrainer zwar auch, aber mit weit geringerem Erfolg, besonders weil sie mit massenhafter Fahnenflucht konfrontiert sind.

Russlands Strategen sind nicht an einem Blitzkrieg interessiert, sie setzen auf die langsame Erschöpfung der feindlichen Kräfte.

Das langsame, aber stetige Vorrücken der russischen Armee, entspricht der vom Westen nicht erkannten grundsätzlichen strategischen Zielsetzung der Russen.

In Moskau will man, entgegen der westlichen Narrative nicht die gesamte Ukraine erobern und annektieren. Den Russen genügt die Kapitulation der ukrainischen Armee mit der Folge eines Systemwechsels in Kiew. Die Rückkehr einiger Landesteile zu Mutter Russland und die Befreiung der russischsprachlichen, dem Wesen nach russischen Bevölkerung. Aus der Anerkennung der Wesensgleichheit der Donbass-Bevölkerung mit den russischen Menschen ergibt sich aber auch ein Dilemma für das russische Militär. Die Russen wollen ihre volksmäßig zugehörigen Brüder vom Joch der gewaltsamen, ukrainischen Verfremdung ihrer Kultur befreien und ihren Siedlungsraum dem russischen Staatsverband angliedern. Aus dieser Zielsetzung muss sich zwangsläufig ein Dilemma für die russische Armee ergeben. Wer Menschen befreien will, kann nicht so rücksichtslos bombardieren, wie man es zu machen pflegt, wenn man verachtungswürdige Feinde zu bekämpfen hat. Mit anderen Worten, die Russen müssen im Donbass mit angezogener Handbremse vorgehen, weil jeder Kampfeinsatz mit unvermeidlichen Kollateralschäden verbunden ist. Diese Schäden so gering wie möglich zu halten, muss das Ziel der Befreiungsarmee sein. Damit lässt sich das langsame Vorrücken der russischen Streitkräfte erklären.

Die Alternative wäre die vollständige Zerstörung ukrainischer Städte, nach dem Vorbild der angloamerikanischen Bomberverbände im 2. Weltkrieg oder der Luftkriegführung der Israelis in Gaza. Die Totalzerstörung der Ukraine durch massive Luftangriffe wäre mit Sicherheit möglich, oder glaubt jemand, Russland verfügt nur über eine einzige Oreschnik-Rakete?

Was wäre mit der Totalzerstörung der Ukraine erreicht? Welchen Wert hätte der totale Sieg mit abschließender Besetzung der Ukraine? Im Ergebnis hätte Russland mit Polen eine direkte Grenze zum NATO-Gebiet, was nicht gewollt wird. Die ukrainischen Städte müssten wieder aufgebaut und die Ernährung der Bevölkerung gewährleistet werden. Das kann nicht im Interesse der russischen Regierung sein.

Den Russen geht es darum, die Ukraine in einen neutralen Pufferstaat mit pro-russischer Regierung zu verwandeln. Dieses Ziel werden sie mit der Strategie der Zermürbung an den Fronten erreichen. Gleichzeitig erreichen sie die völlige Erschöpfung der militärischen Reserven der NATO-Staaten und nicht zuletzt auch die Erschöpfung ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft. Es wäre nicht schwer, Putins Zielsetzung richtig zu beurteilen - man müsste ihm nur aufmerksam zuhören.

Wer mir etwas dazu schreiben will, gerne unter: karl-heinz-hoffmann@gmx.com